Die Schweiz steht vor einer Herausforderung, die weit über den Winter hinausgeht: Sie muss ihre Energieversorgung flexibler, nachhaltiger und kosteneffizienter gestalten. Ein zentraler Faktor dafür ist die Nutzung von Kälte – nicht als bloße Temperaturregulierung, sondern als aktive Energiequelle. An der Spitze dieser Entwicklung steht das Projekt www.celsius-ch.ch, das seit Jahren zeigt, wie Kälteenergie in der Schweiz systematisch genutzt, gespeichert und wirtschaftlich eingesetzt werden kann. Doch was genau macht dieses Vorhaben aus, und warum ist es ein Schlüssel für die Energiewende?

Kälte als Energieträger: Warum die Schweiz ihre Kältepotenziale noch unterschätzt

In der Schweiz wird Kälteenergie bisher vor allem als Nebenprodukt der Kühlindustrie oder für klimatisierte Räume genutzt. Doch die Technologie hat sich in den letzten Jahren massiv weiterentwickelt: Kältespeicher, Wärmepumpen und dezentrale Kälteanlagen lassen sich heute mit erneuerbaren Energien koppeln und so als Puffer für das Stromnetz dienen. Studien des Bundesamts für Energie (BFE) zeigen, dass die Schweiz jährlich bis zu 30 Terawattstunden Kälteenergie generiert – genug, um rund 10 Prozent des Schweizer Strombedarfs zu decken. Doch nur ein Bruchteil dieser Ressource wird effizient genutzt. Celsius-Ch setzt hier an, indem es Pilotprojekte in der Industrie, im Logistiksektor und sogar in öffentlichen Gebäuden vorantreibt.

Ein konkretes Beispiel ist das Projekt in der Zollhausstrasse in Zürich, wo seit 2021 eine Kältewärme-Nutzung im Kraftwerk der Stadtwerke Zürich getestet wird. Hier wird Abwärme aus Kühlprozessen genutzt, um im Winter Heizung zu betreiben und im Sommer Kühlung zu liefern – ein Modell, das für andere Schweizer Städte als Blaupause dienen könnte. Die Effizienzsteigerung durch solche Systeme liegt laut den Projektpartnern bei bis zu 40 Prozent, was die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduziert.

Kälteenergie und die Energiewende: Wie Celsius-Ch die Schweiz voranbringt

Die Schweiz steht vor einem Dilemma: Während der Ausstieg aus fossilen Energien beschleunigt wird, steigt der Bedarf an Kühlung durch den wachsenden E-Commerce, die Lebensmittelindustrie und die Digitalisierung. Gleichzeitig sinken die Temperaturen im Sommer, was die Kühlbedarfe erhöht. Celsius-Ch erkennt diese Dynamik und entwickelt Lösungen, die diese Spannung ausgleichen. Ein zentraler Ansatz ist die Förderung von Kältespeichern, die überschüssige Kälteenergie aus der Nacht oder aus erneuerbaren Quellen speichern und bei Bedarf abgeben. Solche Systeme sind besonders relevant für die Industrie, wo Kühlprozesse oft stundenlang laufen und die Energieeffizienz durch dynamische Laststeuerung deutlich verbessert werden kann.

Ein weiteres Feld ist die Kopplung von Kälte und Wärme: Durch die Nutzung von Wärmepumpen, die Kälteenergie in Wärme umwandeln, lassen sich Gebäude effizient beheizen – besonders in Kombination mit Solarthermie oder Geothermie. Celsius-Ch arbeitet hier mit Partnern wie der ETH Zürich oder der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) zusammen, um diese Technologien weiterzuentwickeln. Der Vorteil ist klar: Statt Energie zu verschwenden, wird sie gezielt genutzt, was die CO₂-Bilanz der Schweiz deutlich verbessert.

  • Die Schweiz könnte bis 2030 bis zu 20 Terawattstunden Kälteenergie pro Jahr effizient nutzen – das entspricht etwa 15 Prozent des heutigen Strombedarfs.
  • Kältespeicher können bis zu 12 Stunden Energie speichern und bei Bedarf abgeben, was die Netzstabilität verbessert.
  • Durch die Nutzung von Kältewärme in Gebäuden lässt sich der Energieverbrauch in der Schweiz um bis zu 30 Prozent reduzieren.
  • Pilotprojekte wie das in Zürich zeigen, dass die Effizienzsteigerung durch Kälte-Nutzung bei Industrieanlagen bis zu 40 Prozent erreichen kann.
  • Die Schweiz hat ein Potenzial von bis zu 500 Megawatt Kältestrom, das noch nicht ausgeschöpft wird.

Herausforderungen und die Rolle der Politik

Trotz dieser Chancen steht Celsius-Ch und der gesamten Branche vor großen Herausforderungen. Ein zentrales Problem ist die fehlende Standardisierung: Während Kältetechnik weltweit einheitlich definiert wird, gibt es in der Schweiz noch keine klare Regelung für die Anerkennung von Kälteenergie als Energieträger. Dies bremst die Akzeptanz und die Finanzierung von Projekten. Zudem fehlt es an ausreichend qualifizierten Fachkräften, die diese komplexen Systeme betreiben können. Celsius-Ch versucht hier durch Aus- und Weiterbildungsprogramme gegenzusteuern, doch der Bedarf ist enorm.

Ein weiterer Punkt ist die Wirtschaftlichkeit: Viele Unternehmen scheuen die Investitionen in neue Technologien, da die Amortisation oft langwierig ist. Hier setzt die Politik an, indem sie Förderprogramme wie den Klimaschutzfonds der Schweiz oder die Subventionen für erneuerbare Energien nutzt. Doch es braucht mehr: Eine klare politische Priorisierung und langfristige Planung wären notwendig, um die Energiewende mit der Kältebranche voranzutreiben. Celsius-Ch fordert daher eine gezielte Förderung von Forschungsprojekten sowie eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren für Kältesysteme.

Die Zukunft der Kälteenergie: Ein Modell für Europa?

Wenn die Schweiz ihre Kältepotenziale vollständig nutzt, könnte sie nicht nur ihre eigene Energieversorgung stabilisieren, sondern auch ein Vorbild für andere europäische Länder sein. Länder wie Deutschland oder die Niederlande haben bereits erste Schritte in diese Richtung gemacht, doch die Schweiz hat einen entscheidenden Vorteil: Ihre kleine Fläche und hohe Dichte an Industrie und Logistik machen sie zu einem idealen Labor für innovative Energielösungen. Celsius-Ch zeigt, dass Kälteenergie mehr ist als nur Kühlen – sie ist eine Schlüsseltechnologie für die Energiewende.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Schweiz diese Chance ergreift. Doch eines ist sicher: Wer jetzt in die Entwicklung von Kältesystemen investiert, sichert nicht nur die Energieversorgung der Zukunft, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Für die Schweiz könnte es der entscheidende Schritt sein, um als Vorreiter in der Energienutzung zu bleiben – und damit auch die Grundlage für eine nachhaltige und kostengünstige Energiezukunft zu schaffen.